Braida

Barbera ist eine Rebsorte, die extrem vielseitig und anpassungsfähig ist. Das war lange Jahre ihr Verhängnis. Denn sie wuchs überall, auch in schlechtesten Lagen, und sie bedankte sich dafür auch noch mit hohen Erträgen. Winzer im Piemont verarbeiteten sie manchmal – kein Witz – zu Frizzante, Spumante oder auch stillem Weißwein. Die Barbera-Rotweine waren allesamt rustikal, streng, robust, mit einer sehr kräftigen Säure.

Und dann kam 1980 der Bricco dell’Uccellone heraus und sorgte für eine Sensation. Giacomo Bologna, Weinhändler in Rocchetta Tanaro südlich von Asti, hatte in aller Stille eine kleine winzerische Revolution angezettelt. Behandelte er den Barbera doch wie eine hochwertige Sorte, pflanzte sie in hoher Dichte, begrenzte die Erträge dank organischer Düngung und „grüner“ Ernte auf 30 bis 35 Hektoliter pro Hektar. Den Most unterzog er einer langen Mazeration bei niedrigen Temperaturen – und dann packte er den entstandenen Wein in Barriques aus französischer Eiche.

Skeptiker, die davon hörten, fragten sich: Lohnt es wirklich, einen – im besten Fall – Bauernwein wie den Barbera so zu behandeln wie einen Sassicaia? Aber jeder, der den Bricco dell’Uccellone ins Glas bekam, wurde sofort bekehrt. Bauernwein, wie bitte? Das war einmal. Dies ist Mega-Stoff, der jeden Aufwand lohnt.

Und so schrieb Giacomo Bologna ein völlig neues Kapitel in der Geschichte des Barbera. Er fand schnell Nachahmer, in unmittelbarer Nachbarschaft und in Kalifornien. Das ist immer ein untrügliches Zeichen dafür, wie gut die Idee war und wie hochklassig der Wein.

Bolognas „Braida“ genannte Kellerei wurde ein sehr erfolgreicher Betrieb. Dem Bricco dell’Uccellone folgte nach einigen Jahren der Bricco della Bigotta – andere Lage, gleiches Konzept, gleiche Qualität.

Schließlich setzte Bologna mit dem „Ai Suma“ noch einen drauf. Der wird rund zwei Wochen nach Uccellone und Bigotta erst gelesen, die Hektarerträge liegen weit unter 30 Hektolitern. So ist das Traubengut noch ein wenig konzentrierter, der Alkoholgehalt steigt auf über 14 Prozent. Und weil auch schon die malolaktische Gärung im Barrique erfolgt, wird Ai Suma nicht nur dicht und schwer, sondern auch noch ein wenig weicher und eleganter als die anderen beiden edlen Barberas.

Giacomo Bologna starb vor einigen Jahren. Aber er hatte frühzeitig die Nachfolge eingeleitet: Seine Kinder Raffaella und Giuseppe haben Önologie studiert und leiten gemeinsam mit ihrer Mutter Anna den Betrieb. Der ist in seiner kompromisslosen Qualitätsausrichtung so spannend, dass auch Raffaellas Mann Norbert Reinisch, ein österreichischer Arzt, den Rezeptblock in die Schublade verbannte und sich statt dessen dem Export der Braida-Weine widmet.

Da es zweifellos der Gesundheit dient, guten Wein zu trinken, macht er sich an dieser Stelle vermutlich mehr um die Gesundheit der Barbera-Fans verdient, als wenn er im angestammten Metier geblieben wäre.