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Castello di Brolio

Einer der berühmtesten Flecken der Toskana ist trutzige Schloss der Familie Ricasoli in Gaiole, umgeben von einem riesigen Landbesitz. Bettino Ricasoli war als Politiker in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine der zentralen Figuren des Risorgimento, der italienischen Einigungsbewegung. Seine Blaupausen für den Umgang mit dem Vatikan, dem kirchlichen Besitz und den europäischen Großmächten legten den Grundstein für das heutige Italien.

Der „eiserne Baron“, unter diesem Beinamen kennt ihn jedes Schulkind in Italien, legte auch den Grundstein für die Codifizierung des Chianti Classico. Und scheinbar schien niemand berufener zu sein als der Herr des größten geschlossenen Weinbergsbesitzes in der Toskana: Rund 250 Hektar standen damals unter Reben, und über annähernd dieselbe Menge verfügt auch der heutige Hausherr, Baron Francesco Ricasoli.

Aber das Castello di Brolio war während langer Jahre kein Aushängeschild des Chianti. Im Gegenteil: In den spannenden Jahren des italienischen Weinbaus während der 70er Jahre gab Brolio die Skandalnudel.

Natürlich verschlang der Unterhalt eines so großen Besitztums Unsummen von Geld, weit mehr, als die Familie verdiente. Deshalb verkaufte der Vater des jetzigen Hausherrn die Weinkellerei samt Markenrechten an den kanadischen Getränkekonzern Seagram. Nur die Weinberge blieben der Familie, die sich dem Irrglauben hingab, durch feste Lieferverträge der Trauben an die Kellerei ein schönes Auskommen gesichert zu haben.

Seagram wurde mit dem Betrieb nicht glücklich, gab ihn weiter an den australischen Konzern Hardy. Der konnte es auch nicht, ging deshalb verdientermaßen Pleite. Aber in den beiden Jahren vor der Insolvenz konnten die Australier die Ricasolis noch richtig ärgern.

Die waren des Jammers nämlich überdrüssig geworden und hatten beschlossen, den Betrieb zurückzukaufen, worauf die Abwickler der Hardy-Pleite nur zu gern eingingen. Francesco Ricasoli hatte zwar vom Weinbau keine Ahnung, verdiente sein Geld als erfolgreicher Werbefotograf, aber er verschloss sich dem Ruf der Familie nicht, das Ruder zu übernehmen.

Während spannender drei Jahre schaffte er es, nicht nur die Insolvenz zu vermeiden, sondern auch den riesigen Schuldenberg so weit zu verkleinern, dass an neue Investitionen in Weinberg, Keller und Vermarktung gedacht werden konnte.

Heute steht Brolio glänzend da mit einer großen Palette von Weinen, die mehr oder weniger interessant, alle aber mit großem Sachverstand und viel Liebe gemacht sind. An der Qualität der Lagen gab es nie etwas auszusetzen, und Stück für Stück wurden auch alle Parzellen in den Weinbergen auf den Stand gebracht, den der moderne Weinbau erfordert.

Den Casalferro finde ich besonders interessant. Das ist eine tiefgründige, sehr komplexe Cuvée aus Sangiovese, Cabernet Sauvignon und ein wenig Merlot. Damit hat es Francesco Ricasoli geschafft, einen „internationalen“ Wein zu kreieren, der gleichzeitig unverkennbar toskanisch anmutet.

Dass Casalferro mit hochelegantem Etikett zu einem attraktiven Preis daherkommt, macht seine Attraktivität noch größer.